Ein neues Ranking zeigt: Junge und Frauen äussern sich häufiger emotional, SVP-Vertreter sind oft wütend. Im Gegensatz zum Ausland ist die Schweizer Politik aber kaum gefühlsbetonter geworden.
Nikolai Thelitz
04.06.2026, 05.30 Uhr
Anna Rosenwasser (SP) und Erich Vontobel (EDU) gehören zu den emotionalsten Politikern im Bundeshaus.
Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ
Ob Trump, Brexit oder die Erfolge populistischer Parteien in Frankreich und Deutschland – die Politik ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich emotionaler geworden. Dass dies nicht nur eine subjektive Wahrnehmung ist, zeigt nun eine Auswertung, welche die Universität Zürich und das Politikdaten-Startup DemoSquare exklusiv für die NZZ und «Le Temps» durchgeführt haben.
Die Forscher haben Reden im Schweizer Parlament mithilfe von Sentiment-Analyse und KI auf ihre Emotionalität hin untersucht (Methodik siehe Infobox) und auch einen internationalen Vergleich aufgestellt. Im US-Kongress und im britischen, französischen und europäischen Parlament wird derzeit deutlich emotionaler debattiert als noch zu Beginn des Jahrhunderts. Das Schweizer Parlament hingegen ist in dieser Zeit ziemlich stabil geblieben.
«Die Schweiz ist die absolute Ausnahme», sagt der Politologe Hugo Subtil, der die Analyse geleitet hat. Durch die Live-Übertragung im Fernsehen und Social Media habe sich der Kommunikationsstil der Politiker im Ausland geändert. «Sie reden nicht mehr primär zu ihren Kollegen im Parlament, sondern direkt zu den Wählern.» Diese erreiche man eher mit emotionalen Voten. Früher sei es eher darum gegangen, mit Sachlichkeit die Politikerkollegen zu überzeugen.
«Mittlerweile geht das so weit, dass Reden praktisch wortgleich wiederholt werden, wenn beim ersten Mal nicht der perfekte Content für Instagram entstanden ist», sagt Subtil. Die Schweiz sei wegen ihrer Kleinräumigkeit von dieser Entwicklung weniger betroffen, die Politik sei weniger professionalisiert und personalisiert.
Trotz relativer Stabilität lassen sich aber auch in der Schweiz spannende Trends und Muster erkennen: Während die SVP in den letzten 25 Jahren emotionaler geworden ist, argumentieren die Grünen heute sachlicher als damals, aber immer noch gefühlsbetont. Am wenigsten Emotionen zeigen die Politiker aus FDP und Mitte-Partei.
Die dominierenden Emotionen unter der Bundeshauskuppel sind Wut und Enthusiasmus. Besonders hässig sind die SVP-Parlamentarier. In rund 73 Prozent aller Reden, die als emotional gewertet werden, dominiert bei der rechtspopulistischen Partei die Wut. Auch bei den meisten anderen Parteien ist Wut die häufigste Emotion, nur bei den Grünliberalen ist der Enthusiasmus noch etwas stärker.
Besonders gefühlsbetonte Reden lieferten die Politiker zu den Themen Bürgerrechte, Einwanderungspolitik und internationale Beziehungen. Am sachlichsten debattierten sie zu Verkehrs- und Wirtschaftspolitik.
Dabei sei Emotionalität nicht als negativ zu werten, sagt der Forscher Hugo Subtil. «Politiker können Emotionen taktisch einsetzen, damit ihre politischen Botschaften bei den Wählern besser ankommen.» Emotionalität und Sachlichkeit seien als zwei Strategien zu verstehen, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen. «Was dabei als emotional oder rational gilt, ist von der Gesellschaft auch bis zu einem gewissen Grad subjektiv festgelegt worden», so Subtil.
Unterschiede bestehen ebenfalls bei Alter und Geschlecht: Jüngere Politiker halten gefühlsbetontere Reden, Politikerinnen sind emotionaler als ihre männlichen Kollegen.
Die Rangliste der emotionalsten Politiker führt denn auch eine junge Frau an: die Grünen-Politikerin Meret Schneider, die sich als Verfechterin der Tierrechte einen Namen gemacht hat. Auch SP-Co-Chefin Mattea Meyer und ihre junge Parteigenossin Anna Rosenwasser landen auf den Top-Plätzen.
Doch auch die beiden bürgerlichen Frauen Jacqueline de Quattro (FDP) und Therese Schläpfer (SVP), die sich bereits auf das Ende ihrer Politkarriere zubewegen, stehen weit oben auf der Rangliste. Der emotionalste Mann im Parlament ist Erich Vontobel von der EDU.
«Dass Frauen mehr emotionale Reden halten, könnte auch daran liegen, dass sie eher in Bereichen wie Soziales oder Umwelt politisieren, die als emotional gelten», sagt Subtil. Zudem weist er auf den Umstand hin, dass Frauen in den meisten Parteien nicht so viel zu Wort kommen, wie sie eigentlich sollten. Der Anteil der Reden von Frauen ist bei SVP und FDP noch tiefer als der sowieso schon tiefe Frauenanteil im Rat. Aber auch bei Grünen und GLP reden Frauen weniger, als ihr Sitzanteil vermuten lässt.
Wie emotional ein Politiker spricht, kann sich über die Zeit auch verändern. Besonders eindrücklich zeigt sich das bei den Bundesräten. Vor dem Rollenwechsel vom Parlaments- zum Regierungsmitglied galten die meisten als feurige Redner mit überdurchschnittlich hohem Anteil an emotionalen Reden. Nun sind die Ansprachen vor dem Parlament eher trocken.
Anstelle von Positionsbezügen und Parteiparolen müssen Bundesräte beispielsweise in der Fragestunde technische Fragen der Parlamentarier beantworten und die Regierungsposition erläutern.
Die Emotionalität könnte aber auch in der Schweizer Politik bald stärker Einzug halten, denn sie ist auch eine Erfolgsstrategie. So konnte zum Beispiel die Linkspartei in Deutschland auch dank viralen Redeschnipseln ihrer Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek ihren Wähleranteil 2025 deutlich steigern, in denen sie in einer Schimpftirade gegen Friedrich Merz die Brandmauer gegen die AfD in der Bevölkerung beschwor.
Anna Rosenwasser, die wohl auch dank ihrer Social-Media-Präsenz (62 000 Follower auf Instagram) Listenplätze gutmachen konnte und 2025 in den Nationalrat gewählt wurde, hat mit Emotionalität wohl derzeit am meisten Erfolg. Auch wenn ihre Voten gegenüber Reichinneks Wutreden noch geradezu zahm wirken, freut sie sich in einer Insta-Story über mehr als 100 000 Views ihres Videos gegen die 10-Millionen-Schweiz-Initiative der SVP.
Für diese Auswertung haben Forscher und Master-Studenten des Politikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Politikdaten-Startup DemoSquare die Reden im Schweizer Parlament auf ihre Emotionalität hin untersucht. Dabei kam einerseits eine klassische Sentiment-Analyse zum Einsatz, die auf einem Lexikon emotional und rational gewerteter Begriffe basiert. Zusätzlich kam eine KI-gestützte Klassifizierung zum Einsatz, bei der die Resultate von Studierenden geprüft und mit den eigenen Einschätzungen verglichen wurden. Diese Methodik wurde auch auf die Parlamentsreden in den anderen Ländern angewendet.
Projektleitung: Hugo Subtil
Mitarbeit: Laura Nathalie Platz, Patrik György, Simon Birrer, Jens Weirich